Ganztag braucht mehr als zusätzliche Räume
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung stellt Schulen vor große organisatorische und bauliche Herausforderungen. Nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft fehlen allein in Westdeutschland noch rund 150.000 Betreuungsplätze. Viele Schulen müssen ihre vorhandenen Flächen deshalb neu denken und bestehende Räume multifunktional nutzen.
Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) zeigt, dass der Erfolg von Ganztagsschulen maßgeblich von der Qualität ihrer Angebote abhängt. Dazu gehören neben pädagogischen Konzepten auch die Rahmenbedingungen, unter denen Lernen stattfindet. Die Gestaltung der Lernumgebung wird wiederum durch andere Forschungsarbeiten, etwa das HEAD-Projekt, untersucht.
Warum Kinder Rückzugsorte brauchen
Ein Schultag besteht aus weit mehr als Unterricht. Kinder hören zu, diskutieren, arbeiten in Gruppen, bewegen sich, essen gemeinsam und verarbeiten dabei unzählige Sinneseindrücke. Gespräche, Geräusche, Bewegungen und soziale Interaktionen begleiten sie über viele Stunden hinweg. Gerade jüngere Kinder verfügen jedoch noch nicht über dieselben Strategien zur Reizverarbeitung wie Erwachsene.
Dass diese Belastung nicht unterschätzt werden sollte, zeigt auch die Forschung zur Klassenraumakustik. Klassenräume erreichen regelmäßig Lärmpegel, die weit über den für konzentriertes Arbeiten empfohlenen Werten liegen. Lehrkräfte zählen Lärm seit Jahren zu den größten Belastungsfaktoren ihres Berufs. Gleichzeitig weist die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Maria Klatte darauf hin, dass eine schlechte Akustik das Sprachverstehen erschwert – insbesondere bei jüngeren Kindern, Kindern mit Konzentrationsschwierigkeiten oder einer anderen Erstsprache.
Ruhe ist deshalb weit mehr als eine angenehme Begleiterscheinung. Sie schafft die Voraussetzung dafür, Informationen zu verarbeiten, sich zu konzentrieren und anschließend wieder aktiv am Unterricht teilzunehmen.
Auch die Umweltpsychologie liefert hierfür eine Erklärung. Die Attention Restoration Theory von Rachel und Stephen Kaplan beschreibt Aufmerksamkeit als begrenzte Ressource. Nach Phasen hoher Konzentration benötigt das Gehirn reizärmere Umgebungen, um sich zu erholen. Für den Schulalltag bedeutet das: Schon kurze Aufenthalte in einer ruhigen, geschützten Umgebung können helfen, die Konzentrationsfähigkeit wiederherzustellen.